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Zusatzqualifizierung der Trainer

Verfasst: Mo 5. Nov 2018, 22:45
von Christel
Hallo zusammen,
mein Name ist Christel Schütte und ich bin Mutter eines behinderten jungen Erwachsenen. Ich betreue seit über zehn Jahren eine inklusive Fussballmannschaft und bin Ansprechpartner für alle Probleme, ob von Seiten der Eltern, Spieler oder Trainer. Wir gehören zum LinaS Projekt. Jede Woche findet ein Training statt, dass von qualifizierten Trainern ehrenamtlich geleitet wird. Viele Kinder und Jugendliche sind in den letzten Jahren zu richtigen Fussballspielern geworden, die eine Menge Spaß beim Training haben und auch eine gewisse Portion Ehrgeiz entwickelt haben. Jetzt haben wir allerdings ein großes Problem: Trainermangel.
Von ehemals vier qualifizierten Trainern haben sich drei, aus unterschiedlichen Gründen, abgemeldet. Bei der Suche nach Ersatz bekommen wir oft die Antwort: "Ich trainiere zwar schon eine Jugendmannschaft, aber ich will euch gerne unterstützen. Muss ich für das Training einer Inklusivmannschaft eine extra Weiterbildung machen, auch wenn ich schon seit Jahren Jugendtrainer oder ähnliches bin? Zuviel zusätzliche Zeit will ich nicht investieren."
Diese Frage möchte ich auch gerne stellen: Können (oder dürfen) normal lizenzierte Jugend- oder Erwachsenentrainer Menschen mit Behinderungen trainieren oder müssen sie eine Zusatzausbildung machen?

Ich freue mich auf eure Antworten, danke.
Gruß
Christel

Re: Zusatzqualifizierung der Trainer

Verfasst: Di 27. Nov 2018, 17:25
von goolkids-rb
Hallo Zusammen,
mein Name ist Robert Bartsch und ich gehöre (leider) zu keiner Modellregion von MIA. Allerdings haben wir uns entschlossen, in Bamberg das Modell LinaS in mehr oder minder ähnlicher Form zu aufzubauen. Erste Aktionen laufen bereits, so zum Beispiel unser Modell "integraFIT" - Inklusion im Fitnessstudio oder demnächst ein offener Lauftreff auch für Rolliefahrer. www.goolkids.de oder ab morgen abend www.ginas.goolkids.de
Beim Thema Zusatzqualifikation für Trainer möchte ich mich vorsichtig einklinken, da auch wir nicht genügend ÜL haben - trotz Kooperation mit der Lebenshilfe vor Ort. Generell glaube ich, dass es wichtig ist, überhaupt etwas sportliches auf die Beine zu stellen, bevor wir gar nichts tun. Langfristig sollte man jedoch schauen, dass die Betreuer auch eine ÜL-Ausbildung machen.
Vielleicht sollten wir alle darauf einwirken, dass schon beim normalen, kleinen ÜL-Schein die eine oder andere Stunde zum Thema Inklusion Pflicht wird. Aktuell trainieren wir am Montag "gemischt" oder dürfen wir es inklusiv nennen? Beim normalen und offenen Training mit Flüchtlingen lassen wir seit 2 Wochen auch das Lebenshilfe-Team mittrainieren. Das LH-Team beginnt etwas früher und wir sorgen lediglich für einen langsamen Mix mit anderen Spielern, so dass sich die Jungs und Mädels mit Handicap noch wohl fühlen.
Aufwärmen oder Auswechseln geschieht immer gemeinsam und wir hoffen, dass bis zum Beginn der Frühjahrsaison im Freien das gesamte Team der Lebenshilfe sogar ein Teil des Sportvereins wird.
Bis dahin trainieren nur ab und an ÜL der Lebenshilfe mit, so dass man uns theoretisch sogar als viel zu offen betiteln könnte. Unsere Coaches sind alles Absolventen oder Studenten der Fachrichtung Pädagogik mit Nebenfach Sport - also nur angelernte Sportbetreuer.
Wir glauben, dass wir nicht darauf warten können, bis es genügend Fachtrainer gibt, weil das Interesse der Menschen mit Handicap gigantisch positiv ist.
Ich hoffe, dass ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehne. Doch sind wir eher der praxisnahe Vermittler und keine Einrichtung im Sinne der behinderten Menschen.
FG Robert

Re: Zusatzqualifizierung der Trainer

Verfasst: Do 13. Dez 2018, 08:43
von Heinz Fischer
Auch ich möchte mich gerne in das Thema einklinken. Ich trainiere in Dinklage im Rahmen unseres Projekts Dinklusiv-Freizeit gemeinsam leben eine inklusive Fußballmannschaft. Insgesamt nehmen derzeit bis zu 30 Kinder am Training teil. Trainiert wird die Mannschaft von 5 Trainern. Die meisten Trainer haben langjährige Erfahrung als Spieler und ggf. als Trainer einer Jugendmannschaft. Entscheident für das trainieren einer inklusiven Fußballmannschaft ist für mich die Haltung die ich einbringen muss, um solch eine Mannschaft zu trainieren. Dies ist für mich eine Grundvoraussetzung. Viele andere Dinge ergeben sich meiner Meinung nach aus der Kommunikation mit den Trainern, die schon mehr Erfahrung mitbringen. Unter den Trainern sollte daher eine gute Kommunikation bestehen und die Richtung sollte für alle klar sein. Darüber hinaus ist es natürlich wichtig für einen neuen Trainer zu wissen, um welche "Handycaps" es sich bei den beeinträchtigten Kindern/Jugendlichen oder Erwachsenen handelt.Ich würde es aber insgesamt auch nicht übertreiben mit entsprechenden Grundvoraussetzungen für Trainer, weil es sonst schwieirg wird, Trainer für diese Aufgabe zu gewinnen. Ansonsten kommt uns ggf. die "Normalität" abhanden und dich halte ich für sehr wichtig.

Re: Zusatzqualifizierung der Trainer

Verfasst: Do 17. Jan 2019, 10:04
von Katja-Lueke
Hallo zusammen,

obwohl Christel schon gute Antworten bekommen hat, möchte ich die folgende Frage von Christel auch noch beantworten: "Können (oder dürfen) normal lizenzierte Jugend- oder Erwachsenentrainer Menschen mit Behinderungen trainieren oder müssen sie eine Zusatzausbildung machen?"

JA!

Übungsleiter/in und Trainer/in haben allerdings die Verantwortung und (hoffentlich) Kompetenz um zu sagen, ab wann sie evtl. zusätzlich eine Assistenz oder weitere/n Übungsleiter/in zur Unterstützung benötigen. Natürlich wäre es gut, wenn deshalb in jeder Ausbildung bereits etwas zu inklusiven Trainings oder Anfragen von Sportler/innen mit Behinderung bearbeitet wird und Fortbildungen zum Thema schaden auch nicht. Es ist in der Realität (meiner Meinung nach) unmöglich sich auf jede Behinderung vorzubereiten.
Übungsleiter/innen und Trainer/innen sind aber ausgebildet sich flexibel und individuell auf Sportler/innen einzustellen und dies gilt auch für Menschen mit Behinderungen. Mein Tipp ist dazu immer zur Not mal den Experten zu fragen, nämlich den Mensch mit Behinderung selbst. Oft kommen gemeinsam Ideen (oder sind schon da) wie man Aufgaben abändern kann, damit sie auch mit der jeweiligen Behinderung sinnvoll gelöst werden.
Jetzt komme ich ins Schwätzen ;-) Mein Lieblingsbeispiel dazu: Ich hatte in einer Gruppe einmal ein Mädchen mit Krampfanfällen. Sie ist mehr oder weniger oft auf den Boden geglitten, hat gekrampft und ein bisschen Schaum produziert. Nach 1-2 Minuten war dies meistens rum, sie hat sich aufgesetzt und konnte weitermachen. Ich habe sie mal gefragt, ob sie wissen möchte, was wir in der Zeit machen (Gegenstände um sie herum wegräumen, Kopf polstern) und ob wir noch etwas mehr tun können. Daraufhin hat sie sich gewünscht, wir könnten ihr Matheaufgaben zurufen. Das hört sie dann und manchmal lenkt es sie schneller von ihrem Krampf ab. Ungewöhnlich, auch sehr gewöhnungsbedürftig, aber wir haben es getan und es hat auch oft die Situation für die anderen Teilnehmerinnen entspannt, aktiv helfen zu können (durch Mathe...).